Letztens fuhr ich mit der Eisenbahn in den Jura. Ich wollte mir bei
einem Maibummel den aktuellen Zustand von Volk und Natur zu Gemüte
führen. Im Büro rief ich von unterwegs an, meldete mich krank
(irgendein Männerleiden als Begründung) und machte
kurzerhand blau.
Die Natur präsentierte sich frühlingshaft üppig, das
Volk unsichtbar. Es war wohl gerade bei der Arbeit – oder wie man das
heute nennt. Vom Himmel hoch vernahm ich „Apus-Apus“
die aufgeregten Schreie der Segler. Die Segler scheinen keine Flugscham
zu kennen. Gerade zurück aus Afrika muss ihr Meilenkonto zum
Bersten voll sein.
Auch wenn kaum Volk zu sehen war, so war doch mindestens die
Volkspartei mit ihren Köpfen und Plakaten überall und
überall dazwischen präsent. Der Saum meines Weges zu Zug, zu Bus und zu
Fuss glich einer Petersburger Hängung.
Dazu zur Erklärung: Mithilfe einer Volksinitiative erwirkte
besagte Volkspartei ein landesweites Referendum. Wer darf und will,
kann am 14. Juni zur Urne dackeln und seine Stimme für oder gegen
eine sog. 10 Millionen Schweiz
abgeben. Der Vorstoss, sprich eine Schweiz, in der nie mehr als 10
Millionen Menschen leben werden, wird durch die Initianten
als nachhaltig
eingestuft. Durch die Gegnerinnen und Gegner als chaotisch und
zerstörerisch.
Will ich in einer 10 Millionen Schweiz leben, oder will ich das nicht?
Faktisch in einer Schweiz, die sich nicht mehr durch den Wandel der
Zeit formte, wie bis heute, sondern in einer Schweiz, die sich die
Köpfe der Volkspartei ausgedacht haben. Das war die Frage, die ich
für mich auf meinem Bummel nebenbei beantworten wollte? Guter Rat
war teuer.
Ich bummelte erst einmal weiter. Der Weg zweigte bald schon abrupt nach rechts ab und führte an einer Weide entlang wo eine Handvoll Esel eingesperrt waren, die entspannt Grass abetzten.
Ich hielt an und beobachtete die Tiere bei ihrem Tun. Zwar oszillierten
plötzlich ihre Ohren wie Radarschirme hin und her, weitere
Anzeichen jedoch, die die Vermutung zu liessen, dass sie von meiner
Anwesenheit Notiz nahmen, gab es keine. Die Eselsköpfe blieben
unten und das Grass verschwand darin.
Ich fühlte mich richtiggehend verschmäht. „Da muss
doch noch mehr drin liegen,“ dachte ich in meinem angeritzten
Herrenrassestolz. Laut und deutlich sagte ich in Richtung der Weide:
„Na, was denkt ihr denn Freunde, wollen wir eine 10 Millionen
Schweiz? Ja oder NEIN?“
Die Esel frassen in aller Gemütsruhe weiter, ungeachtet meiner
Ansage. Ich tobte innerlich. Das grösste Tier schien dies gemerkt
zu haben, es sah auf, drehte den Kopf zu mir und begann wie
verrückt an zu i-ahen.
Diese Reaktion vom grössten Esel verblüffte mich und ich
interpretierte es als ein Ja. Vorerst, denn schliesslich befand ich
mich in demjenigen Teil des Landes, in dem ich davon ausgehen konnte,
dass Mensch und Tier in erster Linie der französischen Sprache
mächtig waren und meine auf Deutsch hingeworfene Frage wenn, dann
auf Französisch beantworten würde. Sprich: Keinesfalls mit
einem lapidaren ‚Ja‘.
Was also wollte mir der Graurock mit seinem I-ah sagen? I A. Ih-ah. Ich kam nicht drauf und ging weiter.
Eine Weile später, als hätte mich der Blitz beim Scheissen getroffen, fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: I.A. - Intelligence artificielle.
Wie mittlerweile jede und jeder in meinem Umfeld in der Mitte der
Gesellschaft, riet mir auch der jurassische Esel, mir die Antworten auf
meine Fragen bei der künstlichen Intelligenz zu holen.
Beschämend, da hätte ich auch selber draufkommen können.
Umgehend eröffnete ich mit meinem Gerät einen
Kommunikationskanal zur künstlerischen Intelligenz meines
Vertrauens und frug:
„Liebe K.I. Verfolgt die Initiative der Volkspartei für eine
10 Millionen Schweiz tatsächlich ein nachhaltiges Ziel?“
Nach langem digitalem Gezwinker und einer gefühlten Ewigkeit
meinte die K.I.: „lm Prinzip ja, aber wenn man bedenkt, dass man
mit dieser Initiative die Chance verpasst, auf einen Schlag eine 100
Millionen Schweiz zu haben, wabert ihr Nachhaltigkeitscharakter
zwischen bescheiden und bedeutungslos“ und setzte noch den
folgenden Schmäh drauf (die Plappertasche): „10 Millionen
müssten dauernd nachgebessert werden und würden auf der
Nachhaltigkeitsskala im Bereich Pflästerlipolitik fungieren. Ich empfehle deshalb die Initiative mit einem NEIN an der Urne abzulehnen.“
„Kann ich dir sonst welche Fragen beantworten in Bezug auf die Initiative?“
Ich so: „Klar. Gibt es Gründe, die Initiative anzunehmen?“
Die K.I. so: „Im Prinzip ja. Die Initiative hat zum Ziel, die
Zubetonierung der Schweiz zu stoppen. Unter dem umwelttechnischen
Gesichtspunkt ist dieses Ziel unterstützungswürdig.“
Ich war mit der Antwort nicht zufrieden und tippte weiter: „Meine
Altersvorsorge stützt sich zu einem grossen Teil auf Wertpapiere.
Viele davon im Bereich Zementherstellung. Kann ich davon ausgehen, dass
wenn die Zubetonierung der Schweiz gestoppt werden würde, diese
wertlos sein werden? Was würdest du dazu sagen, wenn ich die
Initiative deshalb mit einem NEIN an der Urne ablehnen würde?“
Patzig antwortete die K.I. : „Ia geh scheissen! Wenn du solche
Schlüsse ziehst, kannst du im Prinzip künftig wieder Radio
Jerewan um Rat fragen.“
D J B r u t a l o @ S ç h n u l l i b l u b b e r.ç h