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20. Mai 2026

Sieben, zehn oder hundert Millionen

Zahn us, Haar us

Letztens fuhr ich mit der Eisenbahn in den Jura. Ich wollte mir bei einem Maibummel den aktuellen Zustand von Volk und Natur zu Gemüte führen. Im Büro rief ich von unterwegs an, meldete mich krank (irgendein Männerleiden als Begründung) und machte kurzerhand blau.

Die Natur präsentierte sich frühlingshaft üppig, das Volk unsichtbar. Es war wohl gerade bei der Arbeit – oder wie man das heute nennt. Vom Himmel hoch vernahm ich „Apus-Apus“ die aufgeregten Schreie der Segler. Die Segler scheinen keine Flugscham zu kennen. Gerade zurück aus Afrika muss ihr Meilenkonto zum Bersten voll sein.

Auch wenn kaum Volk zu sehen war, so war doch mindestens die Volkspartei mit ihren Köpfen und Plakaten überall und überall dazwischen präsent. Der Saum meines Weges zu Zug, zu Bus und zu Fuss glich einer Petersburger Hängung.

Dazu zur Erklärung: Mithilfe einer Volksinitiative erwirkte besagte Volkspartei ein landesweites Referendum. Wer darf und will, kann am 14. Juni zur Urne dackeln und seine Stimme für oder gegen eine sog. 10 Millionen Schweiz abgeben. Der Vorstoss, sprich eine Schweiz, in der nie mehr als 10 Millionen Menschen leben werden, wird durch die Initianten als nachhaltig eingestuft. Durch die Gegnerinnen und Gegner als chaotisch und zerstörerisch.

Will ich in einer 10 Millionen Schweiz leben, oder will ich das nicht? Faktisch in einer Schweiz, die sich nicht mehr durch den Wandel der Zeit formte, wie bis heute, sondern in einer Schweiz, die sich die Köpfe der Volkspartei ausgedacht haben. Das war die Frage, die ich für mich auf meinem Bummel nebenbei beantworten wollte? Guter Rat war teuer.

Ich bummelte erst einmal weiter. Der Weg zweigte bald schon abrupt nach rechts ab und führte an einer Weide entlang wo eine Handvoll Esel eingesperrt waren, die entspannt Grass abetzten.

Ich hielt an und beobachtete die Tiere bei ihrem Tun. Zwar oszillierten plötzlich ihre Ohren wie Radarschirme hin und her, weitere Anzeichen jedoch, die die Vermutung zu liessen, dass sie von meiner Anwesenheit Notiz nahmen, gab es keine. Die Eselsköpfe blieben unten und das Grass verschwand darin.

Ich fühlte mich richtiggehend verschmäht. „Da muss doch noch mehr drin liegen,“ dachte ich in meinem angeritzten Herrenrassestolz. Laut und deutlich sagte ich in Richtung der Weide: „Na, was denkt ihr denn Freunde, wollen wir eine 10 Millionen Schweiz? Ja oder NEIN?“

Die Esel frassen in aller Gemütsruhe weiter, ungeachtet meiner Ansage. Ich tobte innerlich. Das grösste Tier schien dies gemerkt zu haben, es sah auf, drehte den Kopf zu mir und begann wie verrückt an zu i-ahen.

Diese Reaktion vom grössten Esel verblüffte mich und ich interpretierte es als ein Ja. Vorerst, denn schliesslich befand ich mich in demjenigen Teil des Landes, in dem ich davon ausgehen konnte, dass Mensch und Tier in erster Linie der französischen Sprache mächtig waren und meine auf Deutsch hingeworfene Frage wenn, dann auf Französisch beantworten würde. Sprich: Keinesfalls mit einem lapidaren ‚Ja‘.

Was also wollte mir der Graurock mit seinem I-ah sagen?  I A. Ih-ah. Ich kam nicht drauf und ging weiter.

Eine Weile später, als hätte mich der Blitz beim Scheissen getroffen, fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: I.A. - Intelligence artificielle. Wie mittlerweile jede und jeder in meinem Umfeld in der Mitte der Gesellschaft, riet mir auch der jurassische Esel, mir die Antworten auf meine Fragen bei der künstlichen Intelligenz zu holen.

Beschämend, da hätte ich auch selber draufkommen können. Umgehend eröffnete ich mit meinem Gerät einen Kommunikationskanal zur künstlerischen Intelligenz meines Vertrauens und frug:

„Liebe K.I. Verfolgt die Initiative der Volkspartei für eine 10 Millionen Schweiz tatsächlich ein nachhaltiges Ziel?“

Nach langem digitalem Gezwinker und einer gefühlten Ewigkeit meinte die K.I.: „lm Prinzip ja, aber wenn man bedenkt, dass man mit dieser Initiative die Chance verpasst, auf einen Schlag eine 100 Millionen Schweiz zu haben, wabert ihr Nachhaltigkeitscharakter zwischen bescheiden und bedeutungslos“ und setzte noch den folgenden Schmäh drauf (die Plappertasche): „10 Millionen müssten dauernd nachgebessert werden und würden auf der Nachhaltigkeitsskala im Bereich Pflästerlipolitik fungieren. Ich empfehle deshalb die Initiative mit einem NEIN an der Urne abzulehnen.“

„Kann ich dir sonst welche Fragen beantworten in Bezug auf die Initiative?“

Ich so: „Klar. Gibt es Gründe, die Initiative anzunehmen?“

Die K.I. so: „Im Prinzip ja. Die Initiative hat zum Ziel, die Zubetonierung der Schweiz zu stoppen. Unter dem umwelttechnischen Gesichtspunkt ist dieses Ziel unterstützungswürdig.“

Ich war mit der Antwort nicht zufrieden und tippte weiter: „Meine Altersvorsorge stützt sich zu einem grossen Teil auf Wertpapiere. Viele davon im Bereich Zementherstellung. Kann ich davon ausgehen, dass wenn die Zubetonierung der Schweiz gestoppt werden würde, diese wertlos sein werden? Was würdest du dazu sagen, wenn ich die Initiative deshalb mit einem NEIN an der Urne ablehnen würde?“

Patzig antwortete die K.I. : „Ia geh scheissen! Wenn du solche Schlüsse ziehst, kannst du im Prinzip künftig wieder Radio Jerewan um Rat fragen.“

D J B r u t a l o @ S ç h n u l l i b l u b b e r.ç h

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